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Aventurescence

Einführung

„Aventurescence“ erforscht die Wechselwirkungen zwischen Architektur, Körper, Emotion und kulturellem Erbe und untersucht, wie Strukturen unsere Wahrnehmung von Identität formen kann. In zwölf Looks entfaltet sich ein Spannungsfeld, in dem äußere Konstruktionen auf innere Zustände treffen und sich zu einer eigenen gestalterischen Sprache verbinden. Die Kollektion betrachtet Mode als einen architektonischen und psychologischen Raum, in dem Kleidung direkt auf den Körper und den Menschen Bezug nimmt und die Schnittstelle zwischen innerer Wahrnehmung und sozialem Raum bildet.

Verschiedene Strukturen schaffen ein neues, harmonisches Ganzes. Es steht zur Debatte, wie äußere Formen und innere Prozesse zusammenwirken, um das individuelle Selbst zu prägen, und wie wir die eigene Identität wahrnehmen und gestalten. Jeder Mensch begegnet Mode, sei es aus Interesse, Funktion oder bewusster Distanz. Auch jeder wird dabei in seiner eigenen Identitätsarbeit berührt, sei es bewusst oder unbewusst. Das Verarbeiten der eigenen Persönlichkeit kann tiefe innere Schluchten mit sich bringen. Es ist nicht immer leicht sich mit Wahrheiten, Gefühlen oder Depressionen auseinander zu setzen. Doch ohne diese bewusste Erarbeitung ist kein Wachstum möglich. Dabei muss diese Auseinandersetzung nicht ausschließlich negativ sein. Die Arbeit soll ein Ansatz zeigen, wie man sich mit solch einem Thema umgehen kann. Sie zeigt, dass auch tieferliegende Probleme ästhetisch transformiert und in etwas Sichtbares, vielleicht sogar Schönes überführt und reflektiert werden können.

Ein passendes Bild dafür ist eben genau dieser Reflexionseffekt, die Aventureszenz, der Edelsteine und Titelgeber dieser Arbeiten. Ein metallisches Glitzern entsteht durch Risse, winzige Mineralplättchen oder eingeschlossene Partikel im Inneren des Materials. Was zunächst als Bruch oder Unreinheit erscheint, wird zur Quelle von Licht und Reflexion. Auch innere Risse und Erfahrungen formen letztlich das, was nach außen als eigene Identität strahlt.

 

Prozess und Erarbeitung 

Die Modellentwicklung wurde mit der Kombination von technischer Schnittgestaltung und Drapierung erarbeitet. Die Ausarbeitung ging hauptsächlich über Drapierungen an der Schneiderpuppe. Gegebene Schnitte wurden umdrapiert oder komplett frei neugestaltet.

Der Brutalismus beschränkt sich in seinem Stil auf Strukturen, die einer Funktion folgen. Auf der Suche nach „Architektur“ und Struktur in der Mode, wobei auch die Statik und Konstruktion eines Kleidungsstückes eine wichtige Rolle spielt, kommt man schnell auf den Anzug und die Corsage. Beide Archetypen sind Körperfittend und beanspruchen Genauigkeit in der Konstruktion. In der Kollektion Tauchen diese als Komplette Kleidungsstücke auf oder auch deren spezifischen Merkmale als Designelemente. Dekonstruierte Corsagen-silhouetten, Anzugärmel als Taillengürtel oder auch Kombinationen aus beiden.

Stoffgegebenheiten haben ebenfalls Einfluss in einigen Kleidungsstücken, wobei die Wirkung und die Struktur des Stoffes im Vordergrund steht. In dem Fall werden so wenig Nähte oder Abnäher wie möglich gesetzt, um ein Kleidungsstück zu konstruieren, die dem Stoff die Ehre erweist und das Gewebe so gering wie möglich beeinflusst. Dies ist die Kontrasterarbeitung zu den kastigen Formen und scharfen Kanten, bei der ein Soff so manipuliert und bearbeitet wird, dass dieser den gewünschten Stand hat.

Dieser Gedanke wurde auch in anderen Schnitten berücksichtigt. Wieviele Elemente einer Struktur können weglassen werden, sodass diese noch funktional ist. Die rohen Merkmale eines Kleidungsstückes sind: ein bis zwei Flächen, die ein dreidimensionales Gebilde erstellen können. Dazu benötigt diese Form vier Löcher (Halsausschnitt, zwei Armlöcher und Einstieg). Die Beobachtung bei dieser Technik ist eine einfache Form, die sich drapierend verhält und je nach Material Körperfern geschnitten sein muss; einfache Form, große Auswirkung. Sobald man die Technik des Brutalismus auf ein Kleidungsstück projiziert, wirkt dieses Kleidungsstück in seinem Fall, drapiert. 

 

Kollektionsgestaltung

Kontraste sind nicht nur in der Struktur der Stoffgegebenheiten, wie formstark und fließend gesetzt, sie finden sich auch in anderen Bereichen wieder. Die markanteste Kontrastgestaltung findet sich in der Schnittkonstruktion wieder. Bei den Kleidungsstücken zum einem durch erarbeitete Schnitte konstruiert und zum anderen frei drapiert worden sind. Dies passierte meist direkt mit dem Originalstoff. Zu der direkten Erarbeitung von Kleidungsstücken kommt auch ein Kontrast in der Komplexität dazu. Der Unterschied in der Struktur bei der zum einen eine Ausarbeitung mit mehreren Schnitteilen und üblichen gesetzten Nähten, Abnähern, etc. vorhanden ist, zu Teilen bei denen im Design eine sehr reduzierte Konstruktion stadtfand.

Die Farbgebung limitiert sich auf Schwarz und Grautöne, bei der das Augenmerk auf Hell und Dunkel gesetzt ist. 

Zu den Kontrasten ist die Setzung von „negative Space“ ein Bestandteil der Kollektion. Der Zwischenraum, der für Design optimalerweise gegeben sein muss, um zu wirken. Die Erarbeitung von einem stillen und subtilen Zwischenraum in der Kleidung, die auf dem ersten Blick nicht präsent ist, aber für das Design ein erheblicher Bestandteil in der Wirkung hat. Unter anderem wird durch bestimmte Farbsetzung und größeren Flächen in der Silhouette dieser Raum geschaffen.

Farbspektrum

Die Farbgebung richtet sich primär an das gegebene Farbspektrum des Brutalismus, bei der es sich um verschiedene Abstufungen von Grautönen bis ins Schwarz handelt. Die Gesetzte Farbpalette beschränkt sich bewusst auf diese Töne, um den Schnitt und die Silhouetten in den Vordergrund zu bringen. Die Ausarbeitung von Form und Linienführung in der Kombination mit dem Körper ist der Kern der Kollektion. 

Einbettung der Depressionseigenschaften

Bildlich gesehen symbolisiert der Farbverlauf in der gesamten Kollektion von Hellgrau in eine Tiefes schwarz den Fall in die Dunkelheit, den man mit einer Depression gleichstellen kann. Gefühle die man in bestimmten Regionen des Körpers (Bauchbereich, Kopf) erlebt, werden betont und symbolisiert. Das eingeschnürte Gefühl, die Beengtheit, das unwohle Bauchgefühl, die dysfunktionalen und schlechten Gedanken, die um einen kreisen, werden in Form dargestellt. Schnürungen um die Taille, gewickelte Elemente, formfittende Corsagen, Masken und Asymmetrie tragen diese Bedeutung. Das hervorheben eines Ungleichnis in einem selbst. Dazu kommen Präventivmaßnahmen, die einem helfen sollen. Man möchte sich verstecken, nach außen hin Stark wirken, alles zum Selbstschutz. Die Silhouetten zeigen ausladende Formen, die den Träger verstecken lassen. Masken, Kopfbedeckungen und Gesichtsschmuck sollen die Identität und die realen Gefühle verschleiern. Wollstoffe, Strick, großgeschnittene Jacken sollen Wohlbehagen und Geborgenheit in einem auslösen. Markante Schnitte, betonte Schultern, klobige Schuhe sollen Stärke nach außen hin bewahren. Maßnahmen und Vorkehrungen, die man nutzt, um seines selbst nach außen hin und von Einflüssen Außerhalb zu schützen.

Stoffwahl

Die Stoffauswahl erfolgt nach bestimmten Kriterien, um für die Kollektion verwendet zu werden. In erster Linie steht die Qualität im Vordergrund. Wird diese wünschenswert eingehalten kommen andere Kriterien dazu wie, Haptik, Aussagekraft oder die Unterstützung bei der Wirkung eines Kleidungsstückes. Die Wahl fällt auf sehr klassische Stoffe wie Wollstoffe für Anzüge, Nadelstreifen, Strick, Seide, Leinen, Tüll und Kunstleder. Die Stoffe, bei denen die Haptik im Vordergrund steht, sollen eine fast rohe Wirkung haben, um das Thema aufzugreifen. Dies wird unter anderem durch Bruchseide, Leinen und Strick erzielt. Auch unverarbeitete Säume sind hierbei an manchen Kleidungsstücken ebenso ein tragendes Merkmal um ebenso den Charakter des Stoffes und die „Ehrlichkeit des Materials“ zu zeigen. Ein Kleidungsstück kann genauso einen Einfluss auf die Wahl eines Stoffes haben. Dabei wird beachtet, welche Eigenschaften gegeben sind, um den Schnitt und Silhouette eines Kleidungsstückes in den Vordergrund zu stellen, ohne durch seine eigene Präsenz eine separate Wirkung zu erschaffen. 

die Frage des Geschlechts 

Trotz der überwiegenden Schnittgestaltung auf DOB-Konfektionsgröße 36/38, ist eine direkte Ausarbeitung einer Geschlechtszuordnung in der Kollektion nicht gegeben. Es werden gesellschaftlich zugewiesene weibliche und männliche Kleidungsmerkmale aufgegriffen, miteinander kombiniert und zu einem verschmolzen. Silhouetten Details wie hohe, betonte Taille und Markante Schultern, Farbgebung und Materialauswahl die von klassisch männlichen Anzügen einher gehen oder Archetypen wie Corsagen, Kleider, Hosen und Anzüge werden miteinander in Einklang gebracht. Größen Variationen für verschiedene Körperbautypen, Verstellbare Passformen in einigen Kleidungsstücken und neutrale Farbgebung geben morphischen Tragweisen. 

 

Accessoires und Schmuck

Ein wichtiger Bestandteil der Kollektion sind Schmuck und Accessoires. Zum Schmuck zählen Kopf- und Körperschmuck aus Silber, Ketten sowie Perlen. Die Inspiration des Schmucks setzt sich aus zwei fundamentalen Themengebieten zusammen. Zum einen werden Strukturen des menschlichen Körpers wie Augen, Adern und der Brustkorb aufgegriffen und in surrealer Weise dargestellt. Zum anderen fließt ein kultureller Einfluss aus den Folkloretraditionen des Balkans, insbesondere aus dem serbischen Kulturraum, mit besonderem Augenmerk auf die Schmuckgestaltung ein.

 

Anatomie

Auf der Suche nach Strukturen und deren visueller Darstellung in Architektur und Kleidung rücken schließlich die Strukturen des wichtigsten Elements der Mode in den Fokus, nämlich der Körper. Um diese Strukturen nach außen zu tragen, fiel die Wahl der Bearbeitung auf Silberschmuck. Angelehnt an den Surrealismus entstehen Gebilde, die einen Brustkorb, einen Aderverlauf oder das menschliche Auge visualisieren.

Der Surrealismus bezeichnet eine avantgardistische Kunstströmung des 20. Jahrhunderts und wird auch als Lebenskunst verstanden. Er stellt eine Lebens- und Geisteshaltung dar, die sich gegen traditionelle Normen richtete und vom Unwirklichen, Absurden, Unbewussten sowie von Träumen inspiriert war. Durch das Loslösen vom Gewohnten ermöglichte die surrealistische Kunst einen neuen Blick auf die Welt und das Leben.

Diese Gebilde werden als Körperschmuck, Taillengürtel oder Armreifen getragen oder tauchen als Details in weiteren Schmuckstücken auf.

 

Münzen

Der Schmuck in den Folkloretrachten des Balkans hat eine reiche und vielfältige Geschichte, die tief in den kulturellen Traditionen und sozialen Strukturen der Region eingebettet ist. Ein bedeutendes Element dieser Schmuckstücke sind Münzen, die in verschiedenen Formen und Anordnungen in die Trachten integriert wurden. Der Schmuck wurde in wenigen Stadtzentren professionell hergestellt, was zu Ähnlichkeiten in Art und Design in der gesamten Region führte. Große Verschlüsse, Kopfschmuck mit Anhängern oder mit Münzen bespannte Ketten, die über den Körper gelegt wurden, prägten das Erscheinungsbild.

Diese Schmuckstücke dienten als Schutz vor bösen Geistern, als Markierung ritueller Anlässe und zur klirrenden Untermalung der Musik beim Tanzen. Die Münzen waren häufig alte, echte Währungen, die zu Schmuckstücken umfunktioniert wurden.

Sie fungierten zudem als sichtbares Symbol von Reichtum und sozialem Status der Trägerin oder des Trägers. Je mehr Münzen eine Person trug, desto wohlhabender wurde sie angesehen. Es wurde geglaubt, dass Münzen Schutz vor Unglück bieten. Oft wurden sie in Kombination mit weiteren schützenden Symbolen getragen. Darüber hinaus spielte der Schmuck eine wichtige Rolle bei der Darstellung der Heiratsfähigkeit einer Frau. Anzahl und Wert der Münzen konnten einen Hinweis auf die Mitgift geben, die sie in die Ehe einbrachte.

Die Münzen hatten häufig eine historische Bedeutung und wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Sie repräsentierten das familiäre Erbe sowie die spirituelle Verbindung zu den Vorfahren. Diese Tradition ist tief in den kulturellen Einflüssen des Osmanischen Reiches verwurzelt, das über viele Jahrhunderte hinweg den Balkan prägte. Die Integration von Münzen in den Schmuck spiegelt die historische Bedeutung der Handelswege und die kulturelle Verschmelzung der Region wider.

Dieses Symbol der Münzen wird in den Kopfschmuck integriert, der in Form und Struktur an traditionelle Schmuckstücke angelehnt ist. Die Münzen sind blank und schlicht gehalten, um ihre Form zu betonen und zugleich den kulturellen Aspekt zu repräsentieren. Zwischen ihnen befinden sich Anhänger aus aufgerolltem Silberdraht, die eine Spirale bilden. Diese Technik geht auf frühe Schmuckfunde aus der älteren Bronzezeit zurück. Solche Funde wurden im Emsland bei Ausgrabungen entdeckt und auf etwa 1500 bis 1200 v. Chr. datiert.

Beide Schmuckelemente, die Münzen und die Silberspiralen, tragen in ihrer Form eine Geschichte von Begegnung, Überlagerung und Weitergabe kultureller Einflüsse in sich. In ihrer ähnlichen historischen Struktur werden sie zu einem Sinnbild des bikulturellen Aufwachsens. Zwei historische Stränge verbinden sich zu einem neuen Ganzen und tragen sowohl die geografische Verortung kultureller Wurzeln als auch das gegenwärtige Leben in sich.

 

Taschen

In einigen Looks dienen Glasrechtecke als Taschenersatz. Diese Glasziegel greifen als Baumaterial den Geist des Architekturbaustils Brutalismus auf, bei dem auch Glas ein bedeutendes Element darstellt. Die Idee hinter dem Glasstein in der Größe einer Abendtasche ist die bewusste Haltung des Arms und die Bewegung der Hand. Durch diese Bewegung entsteht innerhalb der Silhouette die körperliche Geste des Taschentragens, ohne dass tatsächlich eine Tasche vorhanden ist.

Es handelt sich um das Aufgreifen eines elementaren Accessoires, ohne durch ein zusätzliches Design vom eigentlichen Hauptakteur, der Kleidung, abzulenken. So entsteht das Tragen einer Tasche, ohne in Konkurrenz zur Kleidung zu treten.

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